Freuds Näschen für Kokain

Dass das Thema Kokain und die Psychoanalyse von Interesse ist, leitet sich aus der Biografie Sigmund Freuds selbst ab. Freud führte mit der Droge 1884 physio- und pharmakologische Studien durch, er schrieb 1885 über Koka und Kokain und konsumierte in bestimmten Abschnitten seines Lebens selbst Kokain.

In seiner Autobiographie aus dem Jahr 1925, gut 40 Jahre nach seinen eigenen Arbeiten mit Kokain, schreibt Freud:

Ich kann hier rückgreifend erzählen, daß es die Schuld meiner Braut war, wenn ich nicht schon in jenen jungen Jahren berühmt geworden bin. Ein abseitiges, aber tiefgehendes Interesse hatte mich 1884 veranlaßt, mir das damals wenig bekannte Alkaloid Kokain von Merck kommen zu lassen und dessen physiologische Wirkungen zu studieren. Mitten in dieser Arbeit eröffnete sich mir die Aussicht einer Reise, um meine Verlobte wiederzusehen, von der ich zwei Jahre getrennt gewesen war. Ich schloß die Untersuchungen über das Kokain rasch ab und nahm in meine Publikation die Vorhersage auf, daß sich bald weitere Verwendungen des Mittels ergeben würden. Meinem Freunde, dem Augenarzt L. Königstein, legte ich aber nahe, zu prüfen, inwieweit sich die anästhesierenden Eigenschaften des Kokains im kranken Auge verwerten ließen. Als ich vom Urlaub zurückkam, fand ich, daß nicht er, sondern ein anderer Freund, Carl Koller, dem ich auch vom Kokain erzählt, die entscheidenden Versuche am Tierauge angestellt und sie auf dem Ophthalmologenkongreß zu Heidelberg demonstriert hatte. Koller gilt darum mit Recht als der Entdecker der Lokalanästhesie durch Kokain, die für die kleine Chirurgie so wichtig geworden ist, ich aber habe mein damaliges Versäumnis meiner Braut nicht nachgetragen.

Peter Nuhn: Nach Beendigung seines Medizinstudiums ist Sigmund Freud von 1882 bis 1885 am Wiener Allgemeinen Krankenhaus tätig. Damals weckt eine Publikation der Deutschen Medizinischen Wochenschrift vom 12. Dezember 1883, in der der Würzburger Arzt Theodor Aschenbrandt die Reaktivierung bayerischer Soldaten durch Cocain beschreibt, seine Aufmerksamkeit. Das 1860 von Albert Niemann aus Cocablättern isolierte Cocain … wird von der Firma E. Merck in Darmstadt als Reinsubstanz hergestellt und ist wie die anderen Rauschdrogen auch – soweit sie schon bekannt sind – am Ende des 19. Jahrhunderts für jedermann frei zugänglich. …

Freud erhält im April 1884 von der Firma Merck ein Gramm Cocain auf Kredit, weil er eigene Untersuchungen über das Cocain durchführen will. (Nach seiner ersten Cocain-Publikation stellt ihm Fa. Merck auch Ecgonin zur Verfügung; diese Untersuchungen bringen allerdings nichts Aufregendes.) Wie auch in seinen späteren Arbeiten zur Traumdeutung und Psychoanalyse nimmt Freud zunächst Selbstversuche mit dem Cocain vor und ist von der Wirkung begeistert.

Am 2. Juni 1884 schreibt Freud an seine Braut Martha Bernays:

Wehe, Prinzeßchen, wenn ich komme. Ich küsse Dich ganz rot und füttere Dich ganz dick, und wenn Du unartig bist, wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines, sanftes Mädchen, das nicht ißt, oder ein großer wilder Mann, der Cocain im Leib hat. In meiner letzten schweren Verstimmung habe ich wieder Coca genommen und mich mit einer Kleinigkeit wunderbar auf die Höhe gehoben. Ich bin eben beschäftigt, für das Loblied auf dieses Zaubermittel Literatur zu sammeln.

Irmgard Rathsmann-Sponsel und Rudolf Sponsel: Sehr seltsam und eigenartig ist die offensichtlich genüßlich erlebte Macht- Differenz zwischen der „kleinen, sanften“ und dem „großen, wilden“ noch dazu mit Cocain im Leib, etwa eine Ersatzphantasie und Vorfreude des, womöglich nicht durch Potenz Verwöhnten, obschon er doch damals erst 28 war, also im besten Alter für die körperliche Liebe?

Richard August Carl Emil Erlenmeyer (* 28. Juni 1825 in Wehen; † 22. Januar 1909 in Aschaffenburg) war ein deutscher Chemiker. Von ihm stammt unter anderem der Erlenmeyerkolben:

Kokain: die dritte Geißel des Menschengeschlechts, schrecklicher als die beiden ersten: Alkohol und Morphin!

Peter Nuhn: Bereits 1885 warnt Erlenmeyer in einer Publikation vor der Anwendung von Cocain. Als Direktor einer Klinik, in der Entziehungskuren durchgeführt werden, hat er Freuds Methode ausprobiert. Auch die Professoren Theodor Meynert (Freuds damaliger Chef) und Richard von Krafft-Ebing –äußern Einwände gegen Freuds unkritische Empfehlung von Cocain als „kräftigeres und unschädlicheres Stimulans als Alkohol“.

Prof. Dr. Alfred Springer:

(* 1941), österreichischer Psychoanalytiker und Hochschullehrer

Die wahre Bedeutung der Überlegungen Freuds zum Kokain wird übersehen!

Die wahre Bedeutung seiner Überlegungen zum Kokain wird hingegen übersehen. In seinem Hinweis darauf, dass die Psychiatrie in ihrem Medikamentenschatz dringend stimulierender Substanzen bedürfe, war er ein Vorläufer der modernen Psycho-pharmakologie der Depression. Man muss sich dazu das medizinhistorische Faktum vergegenwärtigen, dass zu seiner Zeit das Opium als das führende Antidepressivum galt – vielleicht fiel Erlenmayers Kritik an Freud deshalb so harsch aus, weil er gerade auf diesen Aspekt des Freudschen Textes besonders sensibel rea-gierte .Schließlich war Erlenmayer der bedeutendste Vertreter der Opiumbehandlung der Depression und musste die Überlegung, dass diese Erkrankung eventuell mit stimulierenden Substanzen angegangen werden sollte, als Konkurrenz empfinden. Auf die Psychoanalyse selbst hat die Kokain-Episode Freuds wohl nicht den Einfluss gehabt, der ihr zugeschrieben wurde. …

Die methodische Schwäche der Freud-Kritik, die auf der Kokain-Episode aufbaut, besteht darin, dass sie auf jede wahrhaft historische Positionierung verzichtet und den Freudschen Umgang mit der Droge an der gerade aktuellen Bewertung der Droge misst. Insofern verfehlt sie den historischen Zugang und verkommt zum Enthüllungsjournalismus.

Quelle:

Peter Nuhn: Sigmund Freud und das Problem der Suchtstoffe. Deutsche Apotheker Zeitung, DAZ 2006, Nr. 28, S. 52, 09.07.2006

Quelle:

Irmgard Rathsmann-Sponsel und Rudolf Sponsel: Freud und das Kokain, letzte Änderung: 08.11.17

Quelle:

Alfed Springer: Kokain, Freud und die Psychoanalyse. Suchttherapie, S. 18-23, Stuttgart, New York 2002